Zwischen Utrecht, York, Münster und Rom

Heiliger des Monats

Sankt Liudger, der Apostel der Friesen und Sachsen

Jens Mersch

 

„Der Glaube unserer Väter!“ Dieser Satz war in den Zeiten der Glaubens­spaltungen und -neuerungen überall auf dem katholischen Erdkreis immer ein fester Halt und ein sicheres Un­terscheidungskriterium. Die Überlie­ferung ist es, die uns im deutschspra­chigen Raum die großen Missionare des ersten Jahrtausends – Bonifatius, Willibrord, Severin oder Gallus – ver­ehren läßt. Einer dieser „Erleuchter“ in der Finsternis des Heidentums war der hl. Liudger, der Apostel der Frie­sen und Sachsen.

 

Zwischen den Jahren 734 (Karl Mar­tell) und 785 (Karl der Große) wurde das heidnische Friesland Teil des ka­tholischen fränkischen Reiches.

Der hl. Liudger wurde um 742 in eine durch den hl. Friesenapostel Willbrod (†735) für den katholischen Glauben gewonnen Familie in der Nähe von Utrecht geboren.

Durch den Kontakt mit dem hl. Bonifatius, dem Päpstlichen Legaten, empfing das ernste und aufgeweckte Kind seine Berufung zum Priestertum.

„Es war mir vergönnt“, so Liud­ger in späteren Jahren, „ihn mit eige­nen Augen zu sehen, einen Greis in schneeweißem Haar, hinfällig vor Al­ter, aber mit Tugenden und Verdiensten geschmückt.“ Bonifatius erlitt 754 das Martyrium.

Die katholischen Schulen hatten da­mals – wie heute! – eine besondere Auf­gabe. An der „internationalen“ Utrech­ter Stiftsschule, an der Schüler aus den unterschiedlichsten Landstrichen lebten, nahm er nicht nur das klassische Wissen auf, sondern erwarb sich auch eine gro­ße Liebe zur Heiligen Schrift und zum feierlichen Gottesdienst (Choral).

Seine Studien setzte Liudger 767 im englischen York fort, unter der Leitung des berühmten Alkuin (+804), des spä­teren Leiters der Aachener Domschule und der Zierde des Hofs Karls des Gro­ßen. Hier wurde er auch Diakon.

Nach der Rückkehr in die friesische Heimat unternahm er erste Missions­predigten, die ihn bis nach Köln führ­ten, wo er nach 777 die Priesterweihe empfing.

Im friesischen Dokkum, wo Bonifa­tius ermordet wurde, fand er einen neu­en Ausgangspunkt seiner Bemühungen um die Verbreitung des katholischen Glaubens. Er konnte auf der Arbeit des hl. Willehad (†789), des späteren Grün­ders des Bistums Bremen, aufbauen, der zu den Sachsen gegangen war.

784 kam es aber zu Schwierigkeiten. Die Sachsenaufstände brachten auch heidnische Friesen dazu, gegen Karl den Großen aufzubegehren. Liudger war gezwungen, nach Utrecht auszu­weichen. Er nutzte die Zeit und reiste nach Rom, um sich des päpstlichen Segens zu versichern, und teilte mehr als zwei Jahre das Leben der Mönche am Grab des hl. Benedikt (†547) in der Abtei Monte Cassino (zwischen Rom und Neapel).

Im Jahr 787 besuchte Karl der Gro­ße, begleitet von Alkuin, das Mutter­kloster des Benediktinerordens und überzeugte Liudger, der keine Gelübde abgelegt hatte, in seine Heimat zurück­zukehren. Er übertrug ihm die Sorge für mehrere „Gaue“ im friesischen Ge­biet. Dazu gehörte auch Helgoland. 791 legte Liudger nach einer stürmischen Überfahrt den Grundstein für eine erste Kirche auf der Nordseeinsel.

Ein zweiter Aufstand der Friesen zwang Liudger wieder zum Rückzug, aber diesmal konnte er sich auf die Neuchristen verlassen. Auch ohne sei­ne direkte Leitung verbreitete sich der Glaube. Eine Übernahme des Trierer Bischofstuhls lehnte er ab, um weiter missionarisch tätig sein zu können. Deshalb erhielt er von Karl dem Gro­ßen den westlichen Teil des Sachsenge­bietes zugewie­sen, ein Territo­rium, das heute vom Bistum Münster um­faßt wird. Der Name der späteren Stadt Münster leitet sich tatsächlich von einem bescheide­nen „Kloster“ (Monasterium) ab, das Liudger für seine Missionspredigten als Ausgangspunkt diente. Hier lebte er zusammen mit anderen Klerikern in einer – vielleicht an Monte Cassino er­innernden – Gebetsgemeinschaft.

805 wurde die bescheidene Missi­ons-Kapelle, deren Lage man an der Stelle der heutigen Domkirche von Münster vermuten darf, Kathedrale ei­nes neues Bistums.

Wie ging Liudger in seiner Missi­onstätigkeit vor? Sein Biograph berich­tet, er „rottete das Dornengestrüpp des Götzendienstes aus und säte das Gottes­wort. Er errichtete Kirchen und weihte für sie Priester, die er selbst zu würdi­gen Mitarbeitern im Weinberg des Her­ren herangezogen hatte.“ Es war ihm eine große Sorge, daß diese Kirchen auch einen Reliquienschatz bekamen. Diese Gründungen waren nicht immer einfach, da sie in die damalige Sozial­struktur eingriffen. Was wir heute als „staatliche Gewalt“ ansehen, wurde ja von adeligen Grundherren ausgeübt, die solche Kirchgründungen auf ihrem Eigentum erlauben und mit ihren Mit­teln ausstatten mußten.

Liudger war, obwohl nicht selbst Mönch, ein Schüler des Mönchtums. Sein Bestreben war es, ein wirkliches Mönchskloster als „Rückrat“ der Mis­sion zu gründen. Das gelang aber nicht im sächsischen „Münster“, sondern im 100 Kilometer südlich gelegenen Werden, das auf fränkischem Gebiet lag, aber trotzdem nach Ostsachsen ausstrahlte. Dieses Kloster „gehörte“ keinem Adeligen, sondern war sein persönliches „Eigentum“. Deshalb bestimmte er Werden auch zu seiner Grablege.

Liudgers leibliche Schwester grün­dete ein erstes Frauenkloster in seinem Sprengel (im heutigen Nottuln).

805 wurde er nach großem Zögern – vor seinen Augen stand das Pau­luswort „Der Bischof muß untadelig sein“ (1. Tim. 3,2) – in Köln zur Wür­de eines Apostelnachfolgers erhoben.

Von nun an reiste er unermüdlich durch die ihm anvertrauten „Gaue“, firmte, sprach Recht und lehrte den Glauben. Nie hörte er auf, mit seinen Reisegefährten das heilige Offizium – das kirchliche Stundengebet –, zu singen. Nur vier Jahre führte er den Krummstab. „Als der Beschluss des Herrn“, so berichtet sein Biograph, „ihm für seine frommen Mühen den ewigen Lohn zu geben, schon vor der Türe stand, da wurde er, bis der Tod kam, noch einige Zeit von körperli­chen Beschwerden heimgesucht. In seinem Siechtum aber hörte er nicht auf, seinen Geist den heiligen Übun­gen liebevoll, wie er es gewohnt war, hinzugeben. Er hörte heilige Lesung an oder sang Psalmen oder beschäf­tigte sich mit anderen geistlichen Dingen, damit er nicht, der frommen Betrachtung entwöhnt, lau würde. Fast jeden Tag feierte er, schwach am Körper, aber ungebrochenen Geistes, das heilige Opfer. Am Sonntag aber vor der Nacht, in der er aus dieser Welt zum Herrn abberufen wurde, wollte er der ihm anvertrauten Herde Lebewohl sagen. So predigte er denn noch einmal öffentlich in seinen bei­den Kirchen; am frühen Morgen in dem Ort, der Coesfeld heißt, wobei ein Priester die Messe sang, und um die dritte Stunde in Billerbeck, wobei er selber kranken Körpers, aber stark durch seine feurige Liebe das letzte Meßopfer feierte. Darauf gab er in der folgenden Nacht unter dem Beistand seiner Brüder dem Herrn seine Seele zurück.“ Der Heilige starb am Montag in den ersten Morgenstunden des 26. März 809. Sein Leichnam wurde in Münster aufgebahrt, aber auf Befehl des Kaisers, der den letzten Wunsch Liudgers erfüllen wollte, nach Wer­den überführt. Wunder verherrlichten dort sein Grab. Viele Sagen im Müns­terland belegen seine volkstümliche Verehrung.


1) Festtag

Liudger wurde seit seinem Tod als Heiliger verehrt. Am 26. März ehrt die ganze Kirche sein Andenken im Martyrologium Romanum. Auch die Benediktiner ehren ihn in der Liturgie.

2) Reliquien und Patronat

Seine Reliquien befinden sich bis heute in der Basilika von Werden (Bistum Essen). Aus dem Sarkophag stammen viele Reliquienpartikel, die heute in verschiedenen Kirchen des Münsterlandes verehrt werden. Der Schrein wurde 2007 vom Bischof von Münster geöffnet. Untersuchen des Skelettes zeigten, daß Liudger über 1,82 Meter groß war.

Der hl. Liudger ist der Diözesanpat­ron von Münster und Essen. Auch die niederländischen Bistümer Utrecht und Groningen-Leeuwarden verehren ihn als Glaubensboten der Friesen.

3) Literatur

Seine Vita schrieb sein Neffe und Nachfolger Altfrid (†849) in lateini­scher Sprache. Diese Beschreibung des Lebens wurde schon bald danach ins Friesische übersetzt.

Wilhelm Diekamp, Die Vitae sancti Liudgeri (= Die Geschichtsquellen des Bistums Münster, Bd. 4), Münster 1881. Deutsch von Basilius Senger, Liudger in seiner Zeit (Regensburg 1982).

 

2009 erschien zum 1200. Todestag eine Gedenkschrift der „Communi­tas Sancti Liudgeri“, einer im Bistum Essen kanonisch errichteten Vereini­gung.

Ich verkündige Euch Jesus Christus

Heiliger Liudger, Zeuge des Glau­bens (742-809)

304 Seiten

Bochum (Kamp) 2009