Karl der Große

Gewalt und Glaube
Johannes Fried

gebunden, 736 Seiten

München (C.H. Beck) 42014

 

„Regen. Im Regen. Er stand im Regen, unten am Läuterungsberg. Endlos stürzte der Regen auf ihn hernieder und schien dennoch die Sünden nicht abwaschen zu können, die ihn befleckten. Ein Untier zernagte unablässig sein Geschlecht, das umgehend nachwuchs, um wieder zerfressen zu werden, fort und fort. Ein alter Mönch schaute den Büßer und erschrak. Kaum wagte er den Namen des Toten zu offenbaren. Doch alle wussten: Es war Karl, der große Kaiser, der Sünder, der da zu büßen hatte.“

Mit dieser Vision des Reichenauer Abtes Walafried Strabo, 10 Jahre nach Karls Tod niedergeschrieben, beginnt die neue Karlsbiographie des Frankfurter Mediävisten Johannes Fried. Und mit diesen Sätzen schließt sein grandioses Geschichtsbuch, das die Karlsüberlieferung und -forschung bis zum 1200. Todestag des großen Gründers des christlichen Abendlands zusammenfaßt:

Regali natus / de stirpe deoque probatus / Karolus illicite / sprevit contagia vite / Angelica cultus / dulcedine miles adlatus / dum sublimatur / celesti pane cibatur. … Aus königlichem Stamm geboren, / von Gott geprüft, / verschmähte Karl / die Berührung mit unerlaubtem Leben. / Der starke Held, / mit der Lieblichkeit der Engel geschmückt, / wird emporgetragen und / mit Himmelsbrot gespeist. … Das lateinische Reimoffizium, vielleicht schon im 12. Jahrhundert entstanden, preist einen Karl, von dem alle Sündenlast, was immer sie verschuldet hatte, abgefallen, der von allem, worin er einst gefehlt hatte, reingewaschen war. Und dieser Jubelgesang ertönt Jahr für Jahr an seinem Sterbetag, immerzu.“

Zwischen Strabos Karlsbild, zu dem sich leicht ein Kommentar Friedrich Nietzsches denken läßt, und dem „starken Held, emporgetragen und mit Himmelsbrot gespeist“, spannt Fried dieses große Christenleben aus. Das Erlöstwerden ist darin wie im Leben jedes einzelnen Christen die causa finalis, die vom Ziel her ausgehende und den Gang des Geschehens prägende Ursache. Auch die geschichtlich wirkende Erlösung zielt auf eine Wiedergeburt „aus Wasser und Geist“, eine „Renaissance“ des individuellen, aber auch des kulturellen, gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens. Wie sehr die Karolingische Renaissance eine vielfältig bedrohte, auch kriegerisch an vielen Fronten zu sichernde Wiedergeburt aus weströmischen Trümmern und merowingischer Verrohung war, bringt Frieds Erzählkunst zum Leuchten. Dunkle Schatten, die auch begnadetes Menschenwerk begleiten, beschönigt er nicht.

Altbekanntes läßt Fried neu erglänzen, Überraschendes holt er in den Horizont. So erfährt der Leser, wie die Aristoteles-Rezeption bereits an Karls Hofschule einsetzt, und nicht erst durch sarazenische Vermittlung an der Universität Friedrichs II., die das Denken des Thomas von Aquin so folgenreich befruchtete. Die abendländische Wissenschaft mit ihrer charakteristischen Spannung zwischen ratio und intellectus, zwischen empirisch-rationalem Diskurs und umfassender „Theorie“, wäre demnach in Aachen geboren. Überraschend, aber recht bedacht völlig stimmig, ist die Präsenz des Aurelius Augustinus bei der karolingischen Wiedergeburt des christlichen Lebens wie auch bei anderen abendländischen Renaissancen. Augustins „Civitas Dei“ war Karls Lieblingsbuch, ohne das Karls großartige Aachener Marienkirche, ein Abbild des Himmlischen Jerusalems, nicht denkbar wäre.

Bei aller barocken Fülle seines die Leselust weckenden Geschichtsbuchs hat Frieds Blick dennoch drei eigentümliche „blinde Flecken“. Fried geht an Karls Marienfrömmigkeit vorbei, streift nur knapp seine Bedeutung für das abendländische Musikleben und ignoriert ihn als Vorbild für die Gründer des modernen Europas, für Adenauer, de Gasperi und Schuman, obwohl er andere Karlsrezeptionen schildert. Dennoch öffnet Frieds Karlsbuch ein weites Fenster in die ferne europäische Vergangenheit, aus der wir wurden, was wir sind. Es ist ein Buch, das uns unsere Wurzeln bewußt macht, ein Buch, das man lesen muß.

(Dr. Wolfgang Koch)