Gottesbeweise

Eine Dominikanerin

Der erste Beweis, welcher von der Bewegung hergenommen ist

Das Ziel dieses vielleicht klarsten Beweises ist es, das Sein eines völlig unbewegten Seienden aufzuzeigen, das ungeschaffen sein muß, weil es als ein geschaffenes Seiendes von Nichtsein zu Sein bewegt worden wäre. Der Beweis geht von Bewegung jeder Art, im weiten philosophischen Sinn, aus, zu der substantielle oder akzidentelle Veränderung, geistige oder sinnfällige Bewegung genauso gehören wie örtliche oder qualitative Bewegung und Zunahme des Umfangs. Was immer sich bewegt oder verändert, ist durch ein anderes in Bewegung gesetzt. Daß es Bewegung gibt, wissen wir durch unsere alltägliche Sinneserfahrung. Man kann nicht ins Unendliche zurückschreiten. Deswegen muß es einen ersten Beweger geben, der von keinerlei Bewegung bewegt ist, oder, mit anderen Worten, der unveränderlich ist. Bewegung ist Werden, das Werden aber kann nicht seine eigene genügende Ursache sein, weil es Übergang von Potenz zu Akt ist, von Unbestimmtheit zu Bestimmtheit. Potentielles Sein kann aber nur durch aktuelles Sein zu Akt gebracht werden. Es gibt kein grundloses Werden. Es muß also einen Grund für jedes Werden geben, eine von außen kommende Aktualisierung oder verwirklichende raison d’être, welche effiziente Ursache genannt wird. Unendliches Zurückgehen auf immer nur bewegte Beweger widerspricht der Vernunft, weil es gegen das Ursächlichkeitsprinzip ist. Der Physiker wird uns bestätigen, daß man nicht beweisen kann, daß das ständige Entstehen und Umformen von Energie einen Anfang hat und nicht ewig ist. Diese ewige Wiederkehr ist aber vernünftig nicht denkbar, weil dies gleichbedeutend damit wäre, zu sagen, daß jetzt tatsächlich existierende Bewegung ihren Grund in sich selbst haben könnte, daß sie sich selbst hervorgebracht haben könnte in einer Reihe von Bewegern, die jeder einzelne von anderen Bewegern bewegt sind. Wenn es nur bewegte Beweger gibt, dann kann es überhaupt keine Bewegung geben. Wer leugnet, daß es einen Ursprung für Bewegung geben muß, kann genausogut behaupten, daß eine Armbanduhr ohne Feder laufen könne, wenn sie nur genügend Rädchen hätte, oder daß ein Pinsel von selbst malen könne, wenn er nur einen genügend langen Stiel hätte. Der erste Beweger ist in jeder Hinsicht unbewegt und unbeweglich und damit wesenhaft von jedem bewegten Seienden verschieden, sei es körperlich oder geistig. Er muß durch sich selbst existieren, denn auf sich selbst einwirken kann nur, was durch sich selbst wirkt. Er muß also selbst sein Sein sein, der schlechthin Seiende, das Ipsum esse, ein Sein ohne jede weitere Potentialität, weil vollkommen in Akt, und er muß, im Gegensatz zu allem Werdenden, völlige Identität besitzen. Um diesen Beweis leichter verständlich zu machen, kann man ein Beispiel aus der Alltagswelt anführen: Ein Matrose hält einen Anker, das Schiff trägt den Matrosen, das Meer erlaubt dem Schiff zu schwimmen, die Anziehungskraft der Erde hält das Meer in seinen Grenzen, die Sonne hält die Erde auf ihrer Bahn, die Sonne wird durch mir unbekannte Kräfte gehalten, und vielleicht können die Physiker noch ein paar Stufen weiter zurückgehen. Was aber dann? Will man ein Beispiel aus der geistigen Ordnung anführen, dann kann man z. B. zeigen, daß der Wille nicht ein ewiger Akt der Liebe zum Guten ist. Er ist von äußeren Ursachen bewegt, zu wünschen, was er will. Er wird durch ein höheres Sein bewegt, das seine eigene Aktivität ist und sich selbst zu wirken bestimmt, weil es durch sich selbst seiend ist. In der Folge kann der Wille als Zweitursache handeln.

Was kann aus diesem Beweis gefolgert werden?

Der erste Beweger muß demnach reiner Akt, unendlich vollkommen, unkörperlich und immateriell, intelligent, allgegenwärtig, ewig und einzig sein.

1) Reiner Akt: Akt und Potentialität in derselben Hinsicht schließen sich gegenseitig aus. Der erste Beweger ist nicht nur fähig zu bewegen, zu handeln, er ist seine Aktion selbst, Sein und Handeln sind in ihm identisch. Es kann in ihm keinerlei Potentialität geben, weil die Handlungsweise eine Folge der Seinsweise ist: Gäbe es einen Übergang von Potentialität zu Akt, dann müßte der erste Beweger von einem anderen bewegt werden und wäre demnach nicht der erste Beweger. Das, was durch sich selbst existiert, das Ipsum esse, muß das Sein selber sein.

2) Unendlich vollkommen: Er muß unendlich vollkommen sein, weil er reiner Akt ist, ohne jede Potentialität. Reiner Akt und Vollkommenheit sind dasselbe, weil nichts mehr zu verwirklichen übrigbleibt.

3) Unkörperlich und immateriell: Materie ist wesenhaft das, was der Veränderung unterliegt, was immer in Potentialität ist. Dieselbe haben wir im ersten Beweger schon ausgeschlossen.

4) Intelligent: Wir wissen dies nicht nur a posteriori, weil er intelligente Wesen in Akt bringt, sondern auch a priori, weil Immaterialität die Grundlage für Erkennbarkeit und Intelligenz ist.

5) Allgegenwärtig: Er muß überall sein, weil er alle anderen Wesen, die nicht durch sich selbst existieren, in Akt bringt.

6) Ewig: Da es im ersten Beweger keinerlei Veränderung gibt, geben wird oder gegeben hat, muß er ewig der gleiche sein, ohne jede Aufeinanderfolge.

7) Einzig: Es kann nur einen einzigen ersten Beweger geben, denn was immer einen von einem anderen unterscheiden würde, würde beide in gewisser Weise begrenzen und daher unvollkommen machen. Außerdem könnte ein zweiter erster Beweger nichts anderes als ein erster und wäre daher überflüssig.

Erschienen in KU Dez 2015